Vogelbachs bester Fußballer aller Zeiten ist vor allem ein großartiger Mensch

Wir begegnen uns 1971 in Trier. Die Landesregierung hat zusammen mit dem Landessportbund Rheinland-Pfalz an der Trierer Uni eine Sportlehrer-Ausbildung installiert, die vor allem ehemaligen Spitzensportlern dienen soll, ohne Abitur, aber mit dem Willen, die Passion Sport zu ihrem Beruf zu machen. 24 Absolventen treten an. Einer davon ist der Fußball-Weltmeister von 1954 und zweimalige Deutsche Fußballmeister mit dem FCK, Horst Eckel.

 

Alle sind gespannt auf ihn: die Mitschüler und Lehrkörper. Was bringt ihn dazu, noch einmal die Schulbank zu drücken? Immerhin hat er mit seiner Frau Hannelore die Bewirtung des Freibades in Morbach. Das war auskömmlich, aber mehr auch nicht. Der ehrgeizige Horst Eckel versprach sich von seinem beginnenden Studium in Trier die Chance, als Sportlehrer an die Schule zu kommen. Dafür war er bereit, eineinhalb Jahre zu kämpfen, zu lernen, sich unterzuordnen, aber eben auch, Schwächen als Schüler zu zeigen, von denen ein Weltmeister ebenso wenig verschont wird wie alle anderen. Staatliche Förderung gab es nicht, alles, aber auch alles mussten die Absolventen selbst aufbringen. Und es ging eben nicht nur um Fußball oder Waldlauf. Sportmedizin, Sportverwaltungslehre, Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltungslehre – das Studium bot all das, von dem Horst Eckel bisher in seinem Leben verschont geblieben war. Es war ein zweites Bern, aber ganz anders. Für den Kopf, für die Familie, die Zukunft. Wir haben oft darüber gesprochen, wann die Momente gekommen waren, wo er sich die Frage stellte, warum er sich das angetan hatte. Die Augenblicke waren da, aber nur flüchtig. Horst Eckel wäre nicht der große Kämpfer, wenn er resigniert hätte. Er bestand seine Prüfung mit Bravour. Er hatte viel in diesen 18 Monaten gelernt, sich überwinden müssen. „Manchmal kam ich mir vor wie einer, der gerade in die Grundschule kommt“, hat er einmal gesagt. Nur mit dem Unterschied, dass er inzwischen 39 Jahre alt war. Für den Mut, etwas Außergewöhnliches zu tun, wurde er belohnt. Er fand eine Anstellung an der Realschule in Kusel, wo er bis zu seiner Pensionierung blieb.

 

Jetzt wird er 75. Nur noch drei der Spieler des Endspiels von 1954 leben. Er, Ottmar Walter und Hans Schäfer. Mit Ottes ist er ständig zusammen, der Kontakt zu Hans Schäfer ist kaum gegeben. Der Kölner ist mehr ein Eigenbrötler. Schade, weil er dem Fußball fehlt.

Wie eh und je lebt Eckel in Vogelbach. Das ist ein Ortsteil von Bruchmühlbach-Miesau. Aber Horst würde nie sagen, er wohne in Bruchmühlbach-Miesau. Er lebt in Vogelbach mit seiner Hannelore. Hier haben ihn 1954 mehr Menschen empfangen als das Dorf Einwohner hat. Dieses Ereignis hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Vogelbach ist sein Nest, das von Hannelore und den beiden Töchtern. Hier ist der Sportplatz nach ihm benannt. Hier begann er als Stürmer, bevor es ihn nach Lautern auf den „Betze“ zog, wo man ihn nach und nach zum Außenläufer umfunktionierte. Von Bern kam er 1954 erst nach Vogelbach, dann nach Lautern.

Horst Eckel ist so wie die Menschen dieser Region: einfach, fleißig, bescheiden, Heimat verbunden. Und er ist ehrgeizig. Mit 75 spielt er noch in der Lotto-Elf, er ist immer noch ein Klasse-Tennisspieler und im Tischtennis ist er DFB-Präsident Theo Zwanziger in einem Maße überlegen, dass es schon deprimierend wirken muss.

 

Das, was ihm an Wunderbarem widerfahren ist mit dieser Weltmeisterschaft, dem familiären Glück, der Gesundheit, davon möchte er eigentlich der ganzen Welt erzählen. So reist er für die Sepp-Herberger-Stiftung in Justizvollzugsanstalten, um mit Gefangenen zu diskutieren, ihnen von der einzigartigen Welt des Fußballs zu berichten, von Fairness und Verlieren können, von Kameradschaft und davon, anständig zu bleiben. Horst Eckel mag diese Treffen. Er weiß, dass er etwas geben kann. Und er geht in die Vereine, zu vielen Veranstaltungen, er ist in Rundfunk und Fernsehen und er hat das Gefühl, gefragter denn je zu sein. Er weiß, dass er für eine Idee steht. Für die der Mannschaft von 1954. Für das, was sie von Herberger gelernt haben. 53 Jahre nach Bern ist die Idee nicht verbraucht und die Botschaft wichtiger und schöner denn je. Das Märchen von denen, die aufbrachen, um das Gesicht eines neuen Deutschland zu zeigen, verbraucht sich nie.

 

Und doch: Horst Eckel weiß, dass alles endlich ist. Am 9. Dezember 2006 hat er zusammen mit Ottmar Walter, Franz Beckenbauer und Theo Zwanziger in Budapest Abschied genommen von Ferenc Puskas. Das war einer, den man selbst als Weltmeister verehren konnte. Fritz Walter und Puskas waren für Horst Eckel die besten Fußball dieser Zeit. Und er, der Junge aus Vogelbach, war der Freund von Puskas geworden. Und Fritz, das war wie ein zweiter Vater. Auf ihn hatte man zu hören. Was Fritz sagte, das musste die Wahrheit sein. Man spürt beim Weltmeister Eckel immer noch die Ehrfurcht vor einem Fritz oder Ferenc. Zu wissen dass es noch viel Größere im Fußball gab, macht diesen Horst Eckel so wertvoll.

 

Horst Eckel als Freund zu haben, das ist etwas Wunderbares. Er ist keiner für flüchtige Begegnungen. Er ist ein ehrlicher Kamerad, auf den man sich verlassen kann. Auch im Freund sein ist er Weltmeister. Mit seiner Frau Hannelore, die all das kann, was Horst weniger mag, und die er braucht wie einst Herberger und Fritz Walter, lebt er ein ruhiges Leben, ein zufriedenes und glückliches. Vogelbachs bester Fußballer aller Zeiten ist vor allem ein großartiger Mensch.

 

von Hans-Peter Schössler                                                                  gehe zu    http://www.uffembetze.de/html/gewusst.html

                                                                                      

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