Bayern und seine Fans!
Ralf Wiegand (SZ 10.7.) kritisiert das Verbot dreier
Bayern-Fanklubs hart und sorgt sich um die Gewährleistung demokratischer
Prinzipien. „Mal wieder spielt die oberste Moralinstanz des Fußballs mit ihrer
Macht. Natürlich ist es ratsam, kleinste Anzeichen von Gewaltbereitschaft unter
seinen Fans zu beobachten, und es ist gut, dass ein Verein rechtsradikale
Gruppen nicht zu seinem Gefolge zählen möchte und recherchiert, ob sich da was
zusammenbraut. Nur: Der FC Bayern beobachtet und recherchiert selten. Er
explodiert. Der kleinste Kratzer auf dem blank polierten Lack des Weltklubs
gilt als Totalschaden. Das Image ist heilig, verteidigt wird es notfalls durch
Selbstjustiz. Bisher traf der Zorn andere. Die DFL, der die Bayern mitteilten,
sie solle wegen der Kirch-Verträge ruhig ermitteln, aber man werde kein
negatives Urteil akzeptieren. Den Sender RTL, dem Manager Hoeneß
alles Schlechte wünscht, weil er die Champions-League-Rechte
verschmäht. Real Madrid mit der Zirkusnummer Beckham.
Lothar Matthäus, der die Bilanz seines Abschiedsspiels prüfen wollte und den
die Bayern offen mit einer Kampagne bedrohten, ehe sich der erste Richter nur
geräuspert hatte. Und so weiter, und so fort. Die Selbstherrlichkeit speist
sich aus ungebremstem Zulauf. Sponsoren drängeln sich um Werbeplätze, Politiker
auf der Ehrentribüne, Fans um Dauerkarten auf verregneten Plätzen. Die Bayern
wähnen sich im Boom-Gebraus als Gegenentwurf zu
Jammer-Deutschland. Die Bayern: ein Staat im Staat. Oberster
Verfassungsgrundsatz im FC-Bayern-Land: Alles hat zum
Wohle des Klubs zu geschehen. Die von so viel Selbstgefälligkeit überrollten
Anhänger sprechen von ihrem Verein eingeschüchtert als „das System“ oder „die
AG“, als handele es sich um eine Diktatur. Die ausgeschlossenen Fan-Klubs, die
sich pauschal verunglimpft sehen, resignieren vor der Medienmacht FC Bayern.
Bisher polarisierte der Verein nur die Lager, nun spaltet er die Basis seines Ruhms: das eigene Volk. Das ist noch selten einem Staat
bekommen.“
Christoph Biermann (SZ 10.7.) verteidigt die Verantwortlichen
der Bestraften vehement. „Die Selbstdarstellung von Gregor Weinreich, 26, hat
seit Mittwoch einen verzweifelt sarkastischen Unterton. Der Vorsitzende des
Club Nr. 12, eines Zusammenschlusses von Fans des FC Bayern, beschreibt sich
als „mäßig intelligent, Bauingenieur, Wechselwähler (nicht zwischen DVU und
NPD)“, trage „Anzug gern ohne Krawatte, im Moment keinen Mord planend“. Eine
witzige Replik soll das sein auf den Bayern-Manager Uli Hoeneß.
Nur ist Weinreich nicht nach Späßen zumute, unter Tränen sagt er: „Ich bin fix
und fertig.“ Als Reaktion auf die Ausschlüsse, so wird Hoeneß
in der Sport-Bild zitiert, hätte der Fanbeauftragte
und ehemalige Bayern-Keeper Raimond Aumann Morddrohungen bekommen. Anonym per Internet und
E-Mail geschah das zwar, doch ein Täterprofil hatte Hoeneß
gleich parat: „hochintelligent, Betriebswirtschaftler, Anzug und Krawatte“. Die
rechtsradikale Haltung glaubt der Manager auch zu kennen. „Sie sagen nein. Aber
natürlich gibt es gewisse Elemente. Ob rechts oder nicht.“ Das ist schwammig
formuliert, funktioniert aber als Rufmord gegenüber den Geschassten ganz prima
und ist bisheriger Gipfel einer Debatte, die über die Klärung von Recht und
Unrecht in München hinausgeht. „Solche Probleme gibt es vor allem dort, wo
ehemalige Profis die Fanbetreuung übernommen haben“, sagt Thomas Weinmann,
Fanbeauftragter bei Borussia Mönchengladbach. Denen würde oft ein tieferes
Verständnis für das Gewusel in den Kurven fehlen. Ähnlich den popkulturellen
Subkulturen hat es nämlich auch in den Fan-Kurven eine große Ausdifferenzierung
gegeben. Der Fankultur letzte Wendung sind die Ultras, die seit rund vier
Jahren in Deutschland ungeheuren Zulauf haben. Als „total intelligente, hochmotivierte Leute“ beschreibt sie Thomas Schneider von
der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) in Frankfurt. Die Ultras, zu denen
sich auch die vom FC Bayern ausgeschlossene Schickeria München zählt,
orientieren sich nicht mehr am Vorbild englischer, sondern an dem italienischer
Fans. Im Mittelpunkt steht eine möglichst opulente Selbstinszenierung durch
große Schwenkfahnen oder Kurvenchoreographien mit Papptäfelchen im Stil
nordkoreanischer Jubelfeiern. Das gefällt auch vielen Fußballverantwortlichen.
Uli Hoeneß hat ein großes Foto von der Choreografie
beim Champions-League-Finale 2001 in seinem Büro
hängen. „Heute ist ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben“, hatten die Fans
ihrer Mannschaft auf einem riesigen Transparent mitgeteilt und die Kurve in Rot
und Weiß getaucht – organisiert vom nun verbannten Club Nr. 12. Einerseits sind
die Ultras mit ihrem Sinn für Inszenierungen also durchaus geschäftskompatibel,
unkritisch aber sind sie nicht (...) Die Aktion Pro Fans, aus Pro15:30Uhr
hervorgegangen, hat eine Reihe nur noch bizarr zu nennender Beispiele dafür
gesammelt, wie schnell inzwischen bundesweite Stadionverbote ausgesprochen
werden. Schon ein wegen eines Gegentores wütend weggeworfener Bierbecher kann
dazu reichen. Immer häufiger wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen, und man
könnte den Eindruck gewinnen, dass System dahinter steckt. „Es ist doch
verlockend, wenn man das wirtschaftlich sieht“, sagt Weinreich vom Club Nr. 12.
Er meint damit, dass fordernde, manchmal vielleicht auch für nervend gehaltene
Fans durch solche ersetzt werden, die brav zahlen und dann gehen. Und Stimmung
kann man auch anders machen. Der FC Bayern überlegt, das akustische Loch in der
Südkurve im kommenden Jahr mit einer Blaskapelle aufzufüllen.“
Die Fankultur beim FC Bayern hat
einen massiven Schaden erlitten
Markus
Schäflein (SZ 10.7.) berichtet Hintergründe und referiert die anmaßenden
Äußerungen des Bayernmanagers. „Uli Hoeneß machte den
ausgeschlossenen Klubs schwere Vorwürfe: „Mitglieder, die bei Aktionen nicht
mitmachen wollen, werden geschlagen, bedroht oder mit Alkohol gefügig gemacht.“
Weinreich bezeichnet dies als „lächerlich“ und wehrt sich auch gegen den
Verdacht des Rechtsradikalismus. Am Wochenende wollten Mitglieder seines
Vereins nach Italien zu einem Fußballturnier gegen Rassismus fahren. Der Club
Nr. 12 bezeichnet sich selbst als „Zusammenschluss aktiver Bayernfans“. Ihm
gehören auch Mitglieder der ebenfalls ausgeschlossenen Gruppierungen Red Sharks und Schickeria an. Über 500 Anhänger sind laut
Weinreich bei seiner Organisation Mitglied, darunter fast 100 Vorsitzende
anderer Fanklubs. Dadurch ist der Club Nr. 12 kein gewöhnlicher Fanklub mehr,
sondern eher eine inoffizielle Dachorganisation vieler Fanklubs.
Dementsprechend viel Einfluss hat die Vereinigung in der Südkurve. Diesen
Einfluss nutzte der Club Nr. 12 zu zahlreichen Aktionen. Er organisierte immer
wieder Choreographien auf den Rängen und wurde dafür vor zwei Jahren im Stadionheft
auf einer ganzen Seite gelobt. Von Hoeneß. Aber
längst nicht alle Aktionen lagen im Interesse der Vorstandschaft des FC Bayern.
Bereits 1998 unterstützte der Club Nr. 12 eine Faninitiative für Stehplätze.
Während der ersten Halbzeit des Spiels gegen den Hamburger SV organisierte er
eine Blocksperre. Der Block V unter der Anzeigentafel blieb menschenleer, statt
Anfeuerung war nur die Forderung „Sitzplätze raus!“ zu hören. Außerdem mischte
sich der Klub in die Stadiondebatte ein. Fast alle Anhänger in der Südkurve
hielten Wahlzettel in die Höhe, auf Transparenten stand: „Umbau? Wir wählen den
Neubau!“ Als der Fanklub diese Aktionen begann, favorisierte der Verein noch
einen Umbau des Olympiastadions. Im Moment engagieren sich die Mitglieder des
Club Nr. 12 gegen die Einführung einer Europaliga, gegen einen Börsengang des
FC Bayern und für fanfreundliche Anstoßzeiten (...) Der FC Bayern weiß, dass
die Anführer des Club Nr. 12 nicht den Klischees tumber Gewaltverbrecher
entsprechen. „Diese Leute sind sehr geschickt, hochintelligent“, sagt Manager Hoeneß, „aber das Gefährliche ist, wenn sie irgendwann in
Anzug und Krawatte einen totschlagen.“ Gregor Weinreich sagt: „Wir werden mit
einem riesigen Schmutzkübel überzogen, aber wir sind trotzdem noch gesprächsbereit.“
Weil er sich trotz allem noch als Teil des FC Bayern fühlt, „so unverständlich
das sein mag.“ Er ist sich aber sicher: „Egal, wie die Sache endet, die
Fankultur beim FC Bayern hat einen massiven Schaden erlitten.““
Kriechereien
Die
Qualitätspresse geht mit den Handlungen und Äußerungen der Verantwortlichen von
Bayern München also kritisch ins Gericht. Dahingegen kann sich Uli Hoeneß auf die Linientreue der Sport-Bild verlassen. Auf
der aktuellen Titelseite (9.7.) blickt das Opfer Hoeneß
nachdenklich drein und enthüllt „Morddrohungen“ und „Erpressungen“. Im
Innenteil werden die Vorwürfe gegenüber den verbotenen Fanclubs konkretisiert:
„Bei der Meisterfeier sollen Fans den Autokorso durch München am Durchfahren
gehindert haben. Tausende von Bayern-Anhängern konnten daraufhin ihre Stars
nicht sehen.“ Welch ein Vergehen! „Die Rowdys sind radikal!“ Hoeneß´ schreibender Erfüllungsgehilfe und treu ergebener
Diener Raimund Hinko vergleicht sodann David Beckham mit Bayernstar Michael Ballack;
zu klaren Gunsten des letzteren versteht sich. „Hier der pure Fußballer Ballack, dort das ferngesteuerte Kunstprodukt Beckham.“ Nach rhetorischen Klimmzügen („Wer die Frage
stellt, wie viel Beckham denn schon in Ballack steckt, der muss sich auch der Gegenfrage stellen:
Wie viel Ballack steckt denn in Beckham?“)
wählt Hinko eine Analogie, die seinen Lesern
sicherlich verständlich sein wird. „In der Showbranche ist Superstar Alexander Klaws im Vergleich zu Daniel Küblböck
eher ein blasser Typ wie Ballack. Er lebt wie Ballack mehr von seinen fachlichen Kriterien.“ Danke für
die Übersetzung!! Sport-Bild-Autor Jörg Althoff
kriecht noch tiefer rein: Was habe Beckham denn schon
geleistet, „abgesehen von sechs englischen Meistertiteln und einem glücklichen Champions-League-Sieg 1999“ fragt Althoff
ironiefrei. Abgesehen von sechs englischen Meistertiteln und einem glücklichen
(sic!) Champions-League-Sieg 1999!! In der Tat:
Lappalien. Worin ist diese gewollte (und lächerliche) Abwertung Beckhams motiviert? Uli Hoeneß
hatte sich kürzlich über den Trubel mokiert, der in Madrid bei der Präsentation
des englischen Superstars veranstaltet wurde. Damit wollte er zwischen den
Zeilen mitteilen, dass der FC Bayern seine Spieler wohl ausschließlich nach
sportlichen Kriterien auswähle und die Vereinsführung nach anderen Spielregeln
agiere als das spanische „Affentheater“– sprich: nach denen der ehrenwerten
Sportkaufmannsethik. Mit der armseligen Kritik am Showfaktor Beckham hat er sich nicht nur als Neider zu erkennen
gegeben, sondern gleichzeitig seinen Vasallen von der Sport-Bild einen
unmöglichen Spagat abverlangt. Diese kennen eigentlich keine Berührungsängste
mit dem Boulevard. Schließlich hält uns Europas größte Fachzeitschrift in der
Rubrik „Verbotene Liebesspiele im Bayern-Pool“ (Ausgabe vom 9.7., S. 8) u.ä. auf dem Laufenden. Außerdem wissen wir nach
jahrelanger Lektüre, bei welcher Wassertemperatur Mehmet Scholl duscht und
welchen Italiener Giovane Elber
favorisiert.
Man will immer mehr
Philipp Selldorf (SZ 9.7.) analysiert das dargestellte Leitbild des
FC Bayern. „Der Geist des FC Bayern München ist bekanntlich ein Mythos ersten
Ranges im deutschen Fußball, und im Trainingslager in Leipzig ist dieser Tage
wieder häufig die Rede davon. Uli Hoeneß hatte damit
angefangen, als er Michael Ballack bescheinigte,
„eine unglaublich tolle persönliche Entwicklung hinter sich“ zu haben, nachdem
er „vollkommen verinnerlicht hat, was den FC Bayern ausmacht“. Ein größeres Lob
kann es eigentlich nicht geben im Wertekosmos des Managers, das weiß Michael Ballack. Was er nicht weiß: WAS er da angeblich
verinnerlicht hat. Um eine Erklärung gebeten, suchte der Nationalspieler mit
vielen Worten nach einer klugen Definition, bis er auf eine Formel von
bestechender Klarheit stieß: „Man will immer mehr“ (...) In diesem Jahr wollen
die Münchner mehr gewinnen als nur den nationalen Meistertitel und den Pokal,
was auch Michael Ballack zum Ziel erhoben hat. Mit
der sachte neuformierten und reifenden Mannschaft
glaubt der Mittelfeldstratege, jede Herausforderung bestehen zu können, auch
internationale, die Champions League und Real Madrid
inklusive. „Wenn wir Normalform haben, brauchen wir uns vor niemandem zu
verstecken in Europa“, behauptet er und offenbart damit auf ein Neues, dass er
über ihn gekommen ist, der stets etwas überhebliche Geist des FC Bayern
München. Uli Hoeneß definiert ihn folgendermaßen: „Es
ist etwas, das man selbst nicht spürt. Es sind eher Automatismen,
Verhaltensweisen, Ausstrahlung auf dem Platz, selbstbewusst zu sein, ohne
arrogant zu werden.“ Was die Arroganz angeht, ist der umtriebige Manager wohl
ein bisschen bescheiden. Noch sind die Tiraden von Uli Hoeneß
nicht verklungen, die er nach der Heimkehr aus dem Urlaub den diversen deutschen
Privatfernsehmachern und den Bossen des großen Rivalen Real Madrid gewidmet
hatte, und deren Folgewirkung bleibt zweifelhaft. Hoeneß
spricht von einem „Herzensbedürfnis“, das er sich erfüllt habe, da ist es ihm
einerlei, dass es eines Tages ein Wiedersehen geben könnte, nicht nur mit Real
Madrid. Doch Konfrontationen und harte Worte vor Publikum gehören zum
Selbstverständnis und zur Politik der Vereinsführung.“